Spareair – sinnvoll oder sinnlos?

Spareair wird in diversen Foren und Blogs kontrovers bewertet. Heute möchte ich hier meine Meinung zu dem System vorstellen. Dabei werde ich – anders als in vielen anderen Beiträgen einiger Nutzer in Foren oder Blogs – versuchen nicht alles schwarz/weiß zu sehen:

Zunächst ergeben sich aus meiner Sicht für den Einsatz bzw. die Anschaffung von Spareair unterschiedliche Szenarien. Für diese unterschiedliche Szenarien ist Spareair aus meiner Sicht mal besser, mal schlechter geeignet. Ebenso ergeben sich aufgrund der unterschiedlichen Szenarien auch entsprechend verschiedene Alternativen zu Spareair, die ich jeweils auch vorstellen möchte:

  1. Spareair als Notluftvorrat, um einen Notaufstieg zu meistern. Hier müssen wir natürlich noch unterschiedliche Tiefen betrachten:
    1. Bis 10 Meter
    2. 10 – 20 Meter
    3. 20 – 30 Meter
    4. 30 – 40 Meter (Größere Tiefen werde ich nicht betrachten, da wohl jedem klar sein sollte, dass ein Einsatz von Spareair für Notaufstiege aus größeren Tiefen wenig Sinn macht. Mehr dazu weiter unten)
  2. Spareair für kurze Tauchgänge von der Oberfläche aus
  3. Spareair als Notluftvorrat, um den Tauchpartner zu erreichen (Auch hier werde ich unterschiedliche Tiefen betrachten und abschätzen, ob ein Erreichen des Partners realistisch ist)


Was ist Spareair?

Bevor wir uns an die unterschiedlichen Szenarien wagen und die Vor- und Nachteile von Spareair abwägen, möchte ich zunächt einmal vorstellen was Spareair eigentlich ist – falls euch Spareair noch nicht bekannt sein sollte. Die meisten kennen es sicherlich aus der Serie “Baywatch“: Dort wird die kleine Luftflasche häufig von den Rettungsschwimmern eingesetzt, um länger vom Boot aus zu Tauchen, wenn nach vermissten Personen gesucht wird. Bei Spareair handelt es sich um eine kleine – in der Regel 0,4 Liter fassende – Tauchflasche mit direkt angesetztem Atemregler, so dass man die Flasche beim Tauchen direkt in den Mund nehmen kann.

Welche Szenarien machen Sinn?

Ich gehe im folgenden davon aus, dass eine Standard-Spareair-Flasche mit einem maximalen Druck von 200 bar und einem Volumen von 0,4 Litern verwendet wird. Darüber hinaus basieren meine Berechnungen auf einem Luftverbrauch von 15 Litern und 25 Litern pro Minute. Der Richtwert 25 Liter wird beispielsweise bei Einsatztauchern als grober Richtwert angenommen. Wenn der Taucher in Panik verfällt sind sicher auch noch Werte weit jenseits von 25 Litern/Minute möglich. Und wir gehen bei den Hauptanwendungsszenarien – mit denen Spareair auch immer verkauft wird – schließlich von Notsituationen aus. Für alle Berechnungen gehe ich außerdem davon aus, dass die Flasche jeweils komplett mit 200 bar gefüllt ist und komplett leer geatmet wird. Somit ergibt sich ein Luftvorrat von 80 barLitern, die uns Spareair bereitstellt.

1. Spareair als Notluftvorrat, um einen Notaufstieg zu meistern. Hier müssen wir natürlich noch unterschiedliche Tiefen betrachten:

  • Bis 10 Meter

In einer Tiefe von 10 Metern herrscht ein Druck von 2 bar. Wenn wir diesen Druck als Basis unserer Berechnung nehmen, ergeben sich folgenden Rechnungen:

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 2 bar)=> 2:40 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 2 bar)=> 1:36 Minuten

Damit wäre konservativ gerechnet ein Notaufstieg unter Einhaltung der Aufstiegsgeschwindigkeit von 10 m/min ohne Probleme möglich.

Wenn man davon ausgeht, dass man sich ja aufwärts bewegt und damit nicht während des kompletten Aufstiegs einem Umgebungsdruck von 2 bar ausgesetzt ist, ergibt sich bei konstanter Aufstiegsgeschwindigkeit ein durchschnittlicher Umgebungsdruck von 1,5 bar:

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 1,5 bar)=> 3:38 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 1,5 bar)=> 2:08 Minuten

Damit kann man dann schon komfortabel aufsteigen. Allerdings sollte auch jeder Taucher so gut trainiert sein, dass er einen Aufstieg aus 10 Metern zur Not ohne Spareair durchführen kann – das ist dann halt nur nicht mehr ganz so komfortabel.

  • 10 – 20 Meter

Bei einem Notaufstieg aus 20 Metern gestaltet sich der Aufstieg bereits nicht mehr ganz so komfortabel. Wir rechnen wieder mit den üblichen Luftverbräuchen und jeweils einmal mit dem Maximaldruck und dem durchschnittlichen Druck beim Aufstieg:

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 3 bar)=> 1:46 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 3 bar)=> 1:04 Minuten

Für den durchschnittlichen Druck kann die Maximalrechnung zu 10 Metern verwendet werden.

Hier wird es also schon langsam knapper mit den Aufstiegszeiten, aber es ist noch möglich – vorausgesetzt der Taucher bewahrt die Ruhe.

  • 20 – 30 Meter

Nun bewegen wir uns schon im Bereich des Grenzwertigen. Hier wieder die bereits bekannten Berechnungen, zunächst die Rechnung mit dem maximalen Druck, also konservativ und sicher gerechnet:

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 4 bar)=> 1:20 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 4 bar)=> 0:48 Minuten

Konservativ gerechnet ist ein Notaufstieg aus 30 Metern Tiefe mit Spareair also nicht mehr sicher möglich. Schauen wir uns das nochmal an, wenn wir von der Durchschnittstiefe ausgehen:

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 2,5 bar)=> 2:08 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 2,5 bar)=> 1:17 Minuten

Da wird’s dann auch schon sehr eng mit dem Aufstieg. Die Aufstiegsgeschwindigkeit von 10 m/min lässt sich schon nicht mehr einhalten. Es sei denn ihr seid sehr abgebrüht und kommt in einer Notsituation mit 15 Liter/Minute aus und seid nach den ersten 20 Metern Notaufstieg immer noch cool. Dann könntet ihr einfach die letzten 10 Meter die Luft anhalten und langsam austauchen (Damit ist natürlich nicht gemeint, dass ihr beim Auftauchen keine Luft aus der Lunge lasst, sondern, dass man ohne zusätzliche Luft auftauchen kann).

  • 30 – 40 Meter

Größere Tiefen werde ich nicht betrachten, da wohl jedem klar sein sollte, dass ein Einsatz von Spareair für Notaufstiege aus größeren Tiefen wenig Sinn macht, wie man bereits an den zuvor berechneten Werten sehen kann. Auch muss man davon ausgehen, dass der Taucher vermutlich in einer solchen Situation nicht sehr ruhig reagieren wird. Erst recht, wenn ihm bewusst ist, dass sein Luft-Notvorrat nicht sehr komfortabel bemessen ist.

Aus meiner persönlichen Sicht scheidet Spareair für Notaufstiege einfach aus. Da der Luftvorrat aus großen Tiefen nicht ausreicht und ich bei geringen Tiefen “mal eben schnell” auftauchen kann.



www.berge-meer.de
2. Spareair für kurze Tauchgänge von der Oberfläche aus

Dies wäre für mich der Hauptanwendungsfall. Einfach schnell mal seine Tauchzeit spontan verlängern, weil entweder kein Tauchgerät vorhanden ist oder es nicht so schnell herbeigeschafft werden kann. Ich werde die Berechnungen für Tiefen von 3, 5 und 10 Metern durchführen, da dies für mich die am plausibelst klingenden Tiefen für dieses Szenario sind. Ich werde darüber hinaus wie zuvor wieder jeweils mit einem Luftverbrauch von 15 und 25 Litern/Minute rechnen. Man könnte sagen “bei so einem Tauchgang bin ich ja entspannt”. Aber: Denkt mal an das Szenario aus Baywatch. Wenn ein Rettungsschwimmer “nur mal kurz” seine Tauchzeit im Einsatz verlängern möchte, ist es häufig zuvor schon gerannt und alles andere als ruhig. Ich rechne hier nicht mit Durchschnittstiefen, sondern nur konservativ mit den Maximaltiefen, da der Weg von der Oberfläche bis zur Zieltiefe vermutlich schnell zurückgelegt wird.

Tiefe: 3 Meter

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 1,3 bar)=> 4:06 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 1,3 bar)=> 2:27 Minuten

Als reine Verlängerung der Apnoe-Zeit ausreichend.

Tiefe: 5 Meter

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 1,5 bar)=> 3:33 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 1,5 bar)=> 2:08 Minuten

Verlängert die Zeit unter Wasser noch erheblich.

Tiefe: 10 Meter

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 2 bar)=> 2:36 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 2 bar)=> 1:36 Minuten

Fazit: Besser als nichts.

3. Spareair als Notluftvorrat, um den Tauchpartner zu erreichen

Ein realistisches Szenario stellt natürlich die Situation dar in der ich keine Luft mehr aus meinem Lungenautomaten bekomme und ich dann noch meinen Tauchpartner erreichen muss. Ist mein Tauchpartner weit weg, habe ich jetzt ein Problem. Aber auch, wenn der Tauchpartner vorschriftsgemäß direkt neben mir ist, hilft eine Spareair ggf., um den Zeitraum bis zum Erreichen des Automaten des Partners entspannter zu gestalten. Schauen wir uns mal an wie lange uns Spareair auf verschiedenen Tiefen Luft gibt, um diesen Zeitraum zu überbrücken:

Tiefe: 10 Meter

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 2 bar)=> 2:40 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 2 bar)=> 1:36 Minuten

Das sollte locker reichen, um den Tauchpartner zu erreichen.

Tiefe: 20 Meter

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 3 bar)=> 1:46 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 3 bar)=> 1:04 Minuten

Auch in dieser Zeit sollte der Tauchpartner zu erreichen sein.

Tiefe: 30 Meter

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 4 bar)=> 1:20 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 4 bar)=> 0:48 Minuten

So langsam wird’s enger, aber noch immer müsste man damit den Tauchpartner erreichen können.

Tiefe: 40 Meter

15 Liter/Minute: 80 barLiter / (15 Liter/Minute x 5 bar)=> 1:04 Minuten

25 Liter/Minute: 80 barLiter / (25 Liter/Minute x 5 bar)=> 0:38 Minuten

Zur kurzen Überbrückung sollte es auch noch in 40 Metern Tiefe reichen.

Man sollte sich aber auch überlegen, ob es überhaupt notwendig ist die Zeit, um den Partner zu erreichen mit einer Spareair zu überbrücken. Wie ist es beispielsweise mit einem zweiten Lungenautomaten? Oder einer zweiten Flasche auf dem Rücken?




Fazit

Aus meiner Sicht ist Spareair gut dazu geeignet, um kurze Tauchgänge von der Wasseroberfläche durchzuführen, die man alternativ nur durch “Luft anhalten” unternommen hätte. Hier erhöht Spareair deutlich den Komfort und streckt die Tauchzeiträume.

Auch, um den Tauchpartner unter Wasser in einer Ohne-Luft-Situation zu erreichen, eignet sich Spareair – vorausgesetzt der Tauchpartner reagiert einigermaßen zügig und befindet sich nicht zu weit entfernt. Allerdings sollte man sich hier schonmal Gedanken machen, ob die Ohne-Luft-Situation nicht durch redundante Systeme entschärfen kann, um dann auch damit Notaufstiege durchführen zu können.

Notaufstiege mit Spareair machen aus meiner Sicht keinen Sinn. Klar, ein holpriger Notaufstieg ist besser als keiner, aber für 350 Euro kann ich doch bessere Alternativen nutzen. Beispielsweise eine Ponyflasche, auf die ich in einem anderen Beitrag betrachte.

Zusammengefasst hier nochmal die Luftzeiten einer Spareair auf verschiedenen Tiefen:

Luftverbrauch / Tiefe 10 Meter 20 Meter 30 Meter 40 Meter
15 l/min 2:40 min 1:46 min 1:20 min 1:04 min
25 l/min 1:36 min 1:04 min 0:48 min 0:38 min
35 l/min 1:08 min 0:45 min 0:34 min 0:27 min



www.o2online.de
Welche Alternativen gibt es zu Spareair?

Will man in etwa den gleichen Luftvorrat und auch die gleiche Größe erreichen, bietet es sich an einen Lungenautomaten an eine Westenflasche zu montieren. Die Taucher unter euch, die schon etwas länger im Geschäft sind, kennen diese Flaschen noch – entweder im Jacket oder sogar noch im guten alten Klodeckel. Eine gebrauchte Westenflasche gibt es bei ebay häufig schon für wenige Euro. Ein Adapter, um an das Ventil eine handelsübliche erste Stufe des Lungenautomaten anzuschließen kostet um die 10 Euro. Wenn man jetzt noch einen Lungenautomaten rumliegen hat, liegt man damit deutlich unter den üblichen 350 Euro für eine Spareair. Man hat natürlich den Nachteil, dass man so die Flasche irgendwo verstauen muss. Aber dazu könnte man beispielsweise einen Bleigürtel mit Flaschenhalterung aus dem Trekkingbereich nutzen. Das ist natürlich nicht so komfortabel wie bei der Spareair.

Für einen größeren Luftvorrat einhergehend mit einer größeren Flaschengröße, bietet sich eine Ponyflasche an. Die ich in einem der kommenden Beiträge näher vorstellen werde.

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